Wie geht Energiezukunft mit enera? – Im Gespräch mit Christian Arnold

In meiner Praxisphase bei EWE lerne ich viele interessante Abteilungen kennen. Aktuell bin ich in der Abteilung des Projektes enera eingesetzt, das sich thematisch mit der „Modellregion für intelligente Netze“ und der „Evolution der Energieversorgung“ beschäftigt.

Was steckt hinter dem Projekt enera?

Die Modellregion im Nordwesten Deutschlands

Gemeinsam mit den Menschen vor Ort sowie einem großen Partner-Netzwerk verschiedener Unternehmen soll durch das Projekt enera der nächste große Schritt der Energiewende gegangen werden.

Ursprünglich war das Stromnetz darauf ausgelegt, den Strom ausschließlich zu den Konsumenten zu befördern, die dann schlussendlich ihr Handy an der Steckdose laden können. Heutzutage ist es aber so, dass auch selbstständig, durch beispielsweise eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach, Strom für die Steckdose erzeugt werden kann. Hierbei ist die Rede von dezentralen Solaranlagen, denn auch dieser Strom muss in das Stromnetz fließen. Doch für diese dezentrale Einspeisung ist das Netz nicht vollumfänglich ausgelegt. Das Netz kann in diesem Fall nicht optimal bedient werden. Durch dieses Förderprojekt, das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) ausgeschrieben wurde, soll durch einen mehrjährigen Praxistest innerhalb einer Modellregion in Nordwestdeutschland gezeigt werden, wie zukunftsfähige Energiesysteme großflächig eingesetzt werden können. Die Modellregion – bestehend aus den Landkreisen Aurich, Friesland, Wittmund und der Stadt Emden – wurde ausgewählt, weil sie über die optimalen Bedingungen verfügt, die für eine Veranschaulichung nötig sind. Bis 2020 soll innerhalb des Projektes gezeigt werden, was in der Theorie nicht alleinig beschrieben werden kann.

Warum genau diese Region ausgewählt wurde und was enera ausmacht, erläutert Christian Arnold im Interview.

"In der Region wird schon heute mehr Erneuerbare Energie produziert, als vor Ort verbraucht werden kann."

Christian Arnold
Christian Arnold

Was ist das Ziel von enera?
Im Zuge der Energiewende gibt es viele lose Enden aus verschiedenen Bereichen. Wir haben die Netze zum Transport der Energie, die Energieerzeugung und den Verbraucher. Im Projekt enera wollen wir diese losen Enden nun zusammenführen.
Wir können uns das Energiesystem einfach als ein Haus vorstellen. Unser ursprüngliches Haus hat uns nicht mehr gefallen – es war intransparent, ineffizient, schmutzig und fühlte sich nicht mehr zeitgemäß an. Also haben wir angefangen, das Haus umzubauen. Dabei haben wir aber an den falschen Stellen angesetzt. Mit enera wollen wir jetzt ein ganz neues Haus in einem veränderten, grüneren Kleid bauen. Wir setzen am Fundament an und bauen das Haus von Grund auf neu. Das hat den Vorteil, dass wir alle Elemente, alle losen Enden mit einbeziehen können – vor allem auch die Menschen, die in diesem neuen Haus leben.

Warum bietet die Region um die Landkreise Aurich, Friesland, Wittmund und die Stadt Emden optimale Voraussetzungen für eine Modellregion?
Weil wir dort schon einen hohen Anteil an Erneuerbaren Energien haben, der in Deutschland so einmalig ist. Wichtig war außerdem, dass die Modellregion in unserem Versorgungsgebiet und ausschließlich in Deutschland liegt. Zudem ist die Modellregion weitgehend eine Küstenlandschaft – es ergeben sich also kaum externe Einflussfaktoren. In der Region wird schon heute mehr Erneuerbare Energie produziert, als vor Ort verbraucht werden kann. Wenn du etwas Neues zeigen willst und ein Haus haben möchtest, das mit Erneuerbarer Energie funktioniert, dann ist es natürlich eine optimale Ausgangslage, irgendwo hingehen zu können, wo das Leben heute schon in Teilen so ist. Hier können wir direkt feststellen, ob unsere Ideen funktionieren oder nicht.

Welche Investitionen werden in die Modellregion fließen?
Nehmen wir wieder das Beispiel des Hauses und schauen uns eines aus den 60er Jahren an und vergleichen das Energiesystem mit so einem Haus: In diesem Haus gibt es zwar Wände, Mauern und Fenster, aber das Haus ist alt, es zieht womöglich, es gibt (natürlich) noch keine Datensteckdosen und auch kein WLAN. Jetzt wollen wir feststellen, wie es dem Haus geht. Das ist natürlich nicht ganz so einfach und deswegen bringen wir die veraltete Technik auf den neusten Stand: Wir bringen viele Sensoren an und messen die Temperatur und auch die Luftfeuchtigkeit in jedem Raum, um den Gesundheitszustand des Hauses zu ermitteln. Nun stellen wir fest, dass es in den Räumen, in die die Sonne scheint, besonders warm ist und in den anderen Räumen sehr kühl. Optimal wäre da natürlich, wenn in allen Räumen ein Wohlfühlklima herrscht. Momentan verändere ich die Temperatur nicht für einen Raum, sondern für das gesamte Haus und das führt zu einer großen Ineffizienz. Die Digitalisierung ermöglicht mir aber nun, viel kleinteiliger zu handeln und die Temperaturen individuell anzupassen. Die Frage ist, wie können wir unseren Kunden mehr Service, besseren Service anbieten und den Menschen, die uns vertrauen und in Zukunft vertrauen, noch besser mitnehmen. Im Wesentlichen wollen wir aus Daten lernen, die uns die flächendeckende Infrastruktur zur Verfügung stellt. Doch um in jedem Haus die Temperatur und darüber hinaus noch viel mehr messen zu können, müssen wir in das Energiesystem investieren.

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„Wenn du neue Lösungen auf existierende Probleme suchst, dann ist es wichtig, dass du das nicht mit den alten Werkzeugen oder Verhaltensweisen tust.“

Wie läuft die Zusammenarbeit bei einem Partnernetzwerk mit mehreren Dutzend Partnern ab?
Das ist eine spannende Frage. Häufig werden alle Projektpartner mit einem Sack bunter Flöhe verglichen, die alle in ganz unterschiedliche Richtungen hüpfen. Jeder hat einen anderen Interessenschwerpunkt. Um die ganzen Flöhe in Schach zu halten, reicht es nicht mehr, das Projekt durch klassische Methoden zu führen. Dafür gibt es aber dynamische Projektführungsansätze wie die Scrum oder Canbas. Viel wichtiger ist aber die Frage, wie man mit so vielen Partnern erfolgreich kommunizieren kann. Hierzu nutzen wir im Projekt Slack. Slack ist im Prinzip wie WhatsApp, nur durch Features für größere Projekte optimiert. Wir haben über 100 Partner, die an dem Projekt enera mitarbeiten und natürlich nicht alle in Oldenburg sind. Durch Slack können wir uns einfach unterhalten und schnell Dinge klären. Ähnlich wie wir über WhatsApp mit Freunden kommunizieren, kommunizieren wir so mit „unseren Flöhen“; so dass nahezu jeder auf dem aktuellen Stand des Projektes ist. Digitale Kommunikation ist aber nicht der einzige Baustein für ein erfolgreiches Projektmanagement. Ebenso wichtig ist es, dass es regelmäßige Face-to-Face-Meetings gibt. Deshalb arbeiten wir in vielen Bereichen nach einer „Pit-Stop“- und „Sprint“Struktur. In regelmäßigen Pit-Stops kommen wir mit unseren Partnern zusammen, um gemeinsam auch die Knackpunkte des Projektes zu lösen. Dafür ist es dann schon mal notwendig, dass wir die Weser-Ems-Hallen mieten.

Das Projekt enera wird durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) gefördert. Wie ist es, in einem Modellprojekt von solcher Größe zu arbeiten, dass durch das BMWi gefördert und auch „kontrolliert“ wird?
Ich denke, dabei gibt es immer ein lachendes und ein weinendes Auge. Das lachende Auge freut sich darüber, dass wir die Vorbereitungszeit in den vergangenen drei Jahren genutzt haben und nie aufgehört haben, an dem Projekt intensiv zu arbeiten auch wenn andere Mitbewerber gefühlt die Füße hochgelegt hatten. Das weinende Auge sieht die Abhängigkeit vom Projektträger, der für uns immer wieder das Tempo vorgibt. Leider ist dieses oftmals nicht am Markt ausgerichtet sondern folgt sehr stark politischen Prozessen zur Meinungsbildung.
Was für uns letztlich einzig und alleine zählt ist das Ziel von enera. Wir als enera-Team verstehen uns nicht als Projekt, sondern haben eine hohe unternehmerische Motivation, und wollen wirtschaftlich erfolgreich sein. Uns treibt der Innovationsgedanke. Ich denke unser Motto spiegelt in gewisser Weise einen schönen Spruch von Albert Einstein wider:
„Wenn du neue Lösungen auf existierende Probleme suchst, dann ist es wichtig, dass du das nicht mit den alten Werkzeugen oder Verhaltensweisen tust.“
Mit enera wollen wir ganz viele weiße Blatt Papiere anbieten, die gefüllt werden müssen.

Vielen Dank für das Gespräch, Christian!

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